Huel Pulvernahrung: 2 Wochen essen wie ein Astronaut

Offen gestanden bin ich jemand, der nicht besonders gut frühstückt. Eigentlich fast nie. Viel zu gern ziehe ich zehn Minuten länger Schlaf der gesunden Mahlzeit am Morgen vor. Dass das nicht besonders klug und gesund ist, ist mir bewusst. Aber Gewohnheiten zu ändern, fällt bekanntlich schwer.

Eine Freundin erzählte mir jetzt von ihren Erfahrungen mit „Huel“, eine Art Pulvernahrung, die sättigen, ausreichend Nährstoffe liefern und kaum Zeit benötigen soll. Klingt vielversprechend, also beschließe ich den Selbstversuch und frage ein Testpaket an.

Die Idee: Treibstoff für den Menschen

Die Abkürzung „Huel“ steht für „Human Fuel“, also Treibstoff für den Menschen. Das Pulver ist vegan und besteht aus Hafer, Erbsenproteinen, gemahlenen Leinsamen, braunem Reisprotein, Vitaminen sowie Mineralstoffen.

Huel besteht aus Haferflocken, Erbsenprotein, Leinsamen, Reisprotein, MCT (mittelkettige Triglyceride) aus der Kokosnuss, einer Vitamin- und Mineralstoffmischung und Sonnenblumenlecithin.

Ein Shake soll dich für mehrere Stunden sättigen und kann sogar eine komplette Mahlzeiten ersetzen, heißt es zumindest bei Huel.

Eigentlich perfekt für faule Frühstücks-Muffel wie mich, denn es sei okay, den Shake abends zusammen zu mischen, morgens aus dem Kühlschrank zu holen und dann einfach zu trinken.

Eine Tagesportion Huel liefert laut Hersteller die von der EU empfohlenen Tagesmenge aller Vitamine und Mineralstoffe, die ein Mensch mit einer Mahlzeit zu sich nehmen sollte. Somit sei der Energiebedarf komplett gedeckt. Mit dem Slogan „Alles, was dein Körper braucht“, wirbt das Unternehmen auf der Homepage.

Hinter der Idee steckt der Unternehmer Julian Hearn. 2015 gründete der Brite in Kooperation mit dem Ernährungswissenschaftler James Collier das Internet-Start-Up „Huel“. Mittlerweile zählen sie 50 Millionen Euro Umsatz weltweit und 30 Mitarbeiter an drei Standorten. Seit zwei Jahren ist das Nahrungsersatzpulver nun auch auf dem deutschen Markt erhältlich.

Wie viel kostet Huel?

Im Huel-Online-Shop ist das Starter-Set mit 2 Packungen Huel plus Shaker und T-Shirt für 60 Euro erhältlich. Das sind 2,14 € pro Mahlzeit. Für Allergiker gibt es eine glutenfreie Option für ein paar Cent mehr.

Meine Erfahrungen mit Huel

Woche 1

Ich war überrascht, denn bereits eine Woche nach der Bestellung stand plötzlich ein Riesen-Paket in unserem Büro. Inhalt: Huel Pulver in den Geschmacksrichtungen Vanille und Beere, zwei Shaker, Löffel, zwei Packungen Granola-Müsli, jede Menge Protein-Riegel und mehrere Huel-T-Shirts, die nun irgendwie in unserer IT-Abteilung getragen werden.

Los geht’s! Motiviert wollte ich direkt am nächsten Tag mit dem Experiment starten, allerdings langsam, denn sofort komplett auf feste Nahrung zu verzichten, wird vom Hersteller nicht empfohlen. Ich beschließe, in der ersten Woche nur einen Shake pro Tag zu trinken. Am nächsten Morgen befülle ich also den ersten Shake mit 570 Milliliter Wasser. Anschließend kommen drei Messlöffel Huel Vanillepulver hinzu.

Besonders appetitlich sieht dieser Brei jetzt nicht unbedingt aus, erinnert etwas an Astronautennahrung. Selbst nach heftigen Schütteln klumpt der Inhalt außerdem sehr, aber egal, runter damit, soll ja schließlich gesund sein. Der Geschmack ist süßlich und irgendwie pappig, vergleichbar mit alten Haferflocken, also ganz schön gewöhnungsbedürftig, sodass ich mich beim Trinken des restlichen Shakes ziemlich zwingen muss.

So sieht künftig mein Huel Frühstück aus. Foto: Hahnke

Ungewöhnliches Sättigungsgefühl

Zumindest stellt sich für viele Stunden ein unerwartetes Sättigungsgefühl ein. Diese Prozedur wiederhole ich jetzt jeden Tag zum Frühstück. Alternativ zum Wasser rühre ich das Pulver mit etwas Milch an. Die Konsistenz des Shakes wird so cremiger und das leicht süßliche Vanillearoma entfaltet sich leichter, finde ich. Gleichzeitig wirkt der Shake jetzt weniger wie Tapetenkleister, ein großer Vorteil.

Langsam wird der Versuch also erträglicher. Zusätzlich esse ich jeden zweiten Tag zum Mittag eine Schüssel von dem mitgelieferten Granola mit Beerengeschmack. Dieses schmeckt im Vergleich zum Pulver richtig gut, besonders wenn es mit frischem Obst angereichert wird.

Das Huel Granola in Kombination mit Bananen.

Woche 2

In der zweiten Wochen wird der Schwierigkeitsgrad erhöht. Jetzt gibt es ausschließlich Pulvernahrung. Mal sehen, ob ich das überhaupt durchhalte und den Versuchungen aus Schokolade, Pizza und Restaurant-Besuchen widerstehen kann. Jede einzelne Kalorie in meinem Körper soll nun aus diesem merkwürdigem weißen Pulver bestehen – ein total merkwürdiges Gefühl.

Ab jetzt jeden Tag Fertignahrung aus dem Becher

Die ersten zwei Tage mit Huel gestalten sich als Herausforderung. Ich bin unfassbar schlecht gelaunt ohne feste Nahrung. Dank viel Selbstdisziplin und Ablenkungen klappt es aber, sich zwei Tage ausschließlich von Pulvernahrung davon zu ernähren. Hin und wieder knurrt mein Magen, aber ich fühle mich eigentlich gut und nicht müde oder abgeschlagen. Auch der Geschmack konnte durch die Umstellung auf den Beeren-Geschmack deutlich aufgewertet werden. Zwei Mal probierte ich Huel als Smoothie-Variante aus, die ebenso empfehlenswert ist. Hier schmeckt ihr das Fertigpulver kaum noch heraus.

Der Kampf gegen den Schweinehund

Am dritten Tag kann ich allerdings dem intensiven Hungergefühl nicht mehr entkommen. Als eine Freundin zu Besuch ist und wir beschließen Tapas essen zu gehen, passiert das Unvermeidbare: Ich kann dem Druck nicht widerstehen und gönne mir ordentlich Gemüse, Garnelen und Chorizo. Ein gutes Gefühl, aber so viel dann zum Experiment. Mein Wille ist offenbar schwächer als angenommen, aber ich esse einfach unglaublich gern. Gleichzeitig beschließe ich, das Experiment an diesem Punkt abzubrechen. Jeden Tag versuchte ich mich zu motivieren und an die Benefits für die Gesundheit zu denken, aber richtig Zugang zum Produkt fand ich nicht.

Eine Tapas Bar wurde mir zum Verhängnis.

Der Heißhunger war einfach zu groß und es fühlte sich nach drei Tagen einfach unnatürlich an, sich permanent von Flüssig-Shakes zu ernähren, so ganz ohne Kauen. Ernährungswissenschaftlerin Dania Schumann bestätigt diesen Eindruck gegenüber t3n:

Kauen ist wichtig, nicht nur für die Kiefermuskulatur. Die Nahrung wird zum einen nicht eingespeichelt, das heißt die Vorverdauung im Mund entfällt. Zum anderen werden durch den Kontakt der Nahrung mit den Geschmacksrezeptoren der Zunge wichtige Signale ans Gehirn gesendet, die den Verdauungstrakt darüber informieren, was da gleich so auf ihn zukommt.

Dennoch beschließe ich, das Pulver wenigstens noch hin und wieder zum Frühstück, wenn es mal wieder stressig wird, zu trinken.

Zuspruch dagegen bei den Sportlern

Zwei männliche Kollegen, die in ihrer Freizeit viel Sport treiben, konnten sich dagegen eher für den Shake begeistern. Für sie sei das Pulver eine zusätzliche Proteinquelle.

Fazit

Auch nach dem Selbstversuch habe ich nun alle Testpackungen aufgebraucht. Hin und wieder gab es noch einen Shake als Nahrungsergänzung, um sich auf die Erkältungszeit vorzubereiten, aber grundsätzlich kann ich mir eine Pulver-Kost auf Dauer nicht vorstellen. Ich sehe Huel nur in Kombination mit einer sonst ausgewogenen und frischen Ernährung als Option. Der Geschmack erscheint mir, trotz der vielen Geschmacksrichtungen, zu eintönig. Hinzukommt der soziale Faktor, den Essen mit sich bringt. Es gibt nichts Schöneres als gemeinsam zu kochen, sich auszutauschen und essen zu gehen. Ein schneller Shake wird das nie ersetzen können.

Der soziale Aspekt spielt auch beim Gewicht eine Rolle, Menschen, die in Gesellschaft essen, sich dabei unterhalten, die sich Zeit lassen, sind in der Regel seltener übergewichtig. Formula-Produkte sind immer nur eine Überbrückung, um ein Ziel zu erreichen, beispielsweise, um den Magen-Darm-Trakt ruhig zustellen oder das Gewicht zu reduzieren,

weiß Ernährungswissenschaftler Matthias Riedl.

Dennoch gefallen mir einige Aspekte an Huel: Die Idee, dass ich nicht jede Mahlzeit planen muss und trotzdem gut versorgt bin, ist interessant, denn hin und wieder vergesse ich im Alltag, zwischen Terminen auch ein gesundes Mittagessen. Oft nehme ich mir vor, abends vorzukochen, aber einkaufen und Zubereitung erscheinen nach dem Feierabend zu mühselig. Bevor ich also gar keine Nährstoffe zu mir nehme, kann der Shake eine gute Alternative darstellen. Zumindest besser als eine fettige Pizza, auf die es dann oft hinausläuft. In dieser Hinsicht erfüllt das Pulver absolut seinen Zweck, auch wenn einen der Geschmack nicht unbedingt umhaut. Huel soll jedoch sättigen und dich mit einer bestimmten Anzahl an Nährstoffen versorgen. Das tut es.

Solange es sich nicht um jede Mahlzeit handelt, die in Pulverform eingenommen wird, finde ich es also okay auf Pulvernahrung zurückzugreifen. Trotzdem beschäftigt mich der Zukunftsaspekt. Wird sich unsere Ernährung in Richtung Astronautenessen entwickeln? Werden wir alle bald nur noch Pulver schlürfen, statt genüsslich dinieren? Wird Essen jetzt zur Belastung statt zum Genuss? Bitte nicht.

Hier eine Zusammenfassung der Vor-und Nachteile: 
Die Vorteile
– minimaler Zeitaufwand
– sehr günstige Mahlzeiten (Laut Anbieter liegt eine Mahlzeit bei 2,61 EUR)
– keine Lebensmittelverschwendung
– vielseitig einsetzbar, du kannst Huel als Ausgangsbasis für Smoothies oder anderen Gerichten verwenden
– Sehr gesund
– optimale Nährstoffversorgung
Die Nachteile
– Geschmack (Es gibt jedoch Huel Geschmacks­pulver mit natürlichem Aroma und Süßungsmittel, um seine Mahlzeiten geschmacklich zu verbessern.)
– sozialer Faktor
– Genuss am Essen geht verloren
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